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Marie berichtet über Integra Fahrradwerkstatt

Marie-Beitrag Juni 2021 über Integra Fahrradwerkstatt

Jugendliche reparieren alte Göpel

Nicht erst seit Corona haben es viele Jugendliche ohne Hauptschulabschluss schwer, einen Job zu finden. In der Fahrradwerkstatt von Integra in Bregenz werden sie auf eine Lehre und auf die Arbeit vorbereitet. Vor allem bekommen sie aber Zuspruch, Bestätigung und Aufmerksamkeit.

Viele Fahrräder, reparierte und ausgeschlachtete, stehen in der ehemaligen Bahnhofsremise. Hier bekommen ausgemusterte „Göpel“ ein neues Leben oder werden ganz neu zusammengebaut. Heute sind keine Jugendlichen vor Ort. Auch hier wirkt alles sehr coronaruhig. „Die sind noch alle in Phase 1. Dort werden sie auf die Arbeit bei uns vorbereitet”, erklärt Jürgen Rützler, Arbeitsleiter der Werkstätte. „Sie lernen, sich wieder an einen geregelten Tagesablauf und an Pünktlichkeit zu halten. Jede und jeder bekommt einen Ansprechpartner.“ Der Coach analysiert mit ihnen gemeinsam ihre Lebenssituation und klärt Wünsche und Ziele ab. Er ist der Begleiter bis zur Lehrstellenvermittlung und derjenige, mit dem sie Rücksprache halten können. Wenn diese dreimonatige Phase vorbei ist, können die Jugendlichen aus zehn verschiedenen Arbeitsbereichen auswählen und festlegen, was ihnen am meisten zusagt. Ein Projekt davon ist die Radwerkstatt.

„Eine große Herausforderung ist für die Jugendlichen am Anfang, dass sie sich was sagen lassen. Die meisten kommen mit der Einstellung, ich bin hier der Boss und ich kenn mich eh aus. Wir versuchen auf sehr einfühlsame und verständnisvolle Art, ein Teamgefühl zu schaffen, wo alle zusammenhelfen und auch Vorgesetzte respektiert werden“, so Jürgen Rützler. Die TeilnehmerInnen haben hinsichtlich ihrer sozialen, schulischen und beruflichen Kompetenz  Nachholbedarf. „Wir arbeiten mit ihnen daran, dass sie ihr Selbstvertrauen wieder zurückbekommen“, bekräftigt Michael Seethaler, Bereichsleiter der Dienstleistungen. „Natürlich geht es bei uns auch um technisches Know-How und die Fähigkeit, wie man Fahrräder repariert. Zu allererst aber geben wir ihnen die Sicherheit, dass sie bei uns gesehen und respektvoll behandelt werden.“

Die erste Aufgabe ist meistens, ein altes Fahrrad, das sie sich selber aussuchen, wieder auf Vordermann zu bringen. „Dazu brauchen sie meistens drei bis vier
Tage. Wenn sie das geschafft haben, dann gehört das Fahrrad ihnen. Die Freude und der Stolz darüber sind meistens sehr groß“, so Jürgen Rützler. 30 Stunden in der Woche arbeiten die Jugendlichen in der Fahrradwerkstätte und reparieren unter Anleitung Fahrräder, die vorbeigebracht werden. Die  Fahrradwerkstätte bietet neben der Reparatur auch einen Fahrradverleih oder auch Fahrradputzaktionen mit einer speziellen Fahrradreinigungsmaschine an. „Auch vor Radfahrprüfungen können Schulklassen zu uns kommen und wir checken die Bikes auf ihre Straßentauglichkeit“, merkt Jürgen Rützler an.
Seit 2013 gibt es diese Integra-Fahrradwerkstätte. Zu 80 Prozent kommen junge Burschen in die Fahrradwerkstatt, aber auch Mädchen wollen den Beruf der Fahrradmechanikerin erlernen. Die Jüngsten sind 15 Jahre alt, die Ältesten 21. Zu fünft können sie gleichzeitig dort arbeiten. Vermittelt werden sie durch ein Programm des AMS oder SMS. In Phase 3 bewerben sie sich schließlich auf eine Lehrstelle bei einem Fahrradhändler. „Wir können fast alle vermitteln und haben eine Quote, die bei fast 100 Prozent liegt“, so Michael Seethaler. „Bei der Vermittlung zu den Fahrradhändlern entsteht eine Win-win-Situation. Die Jugendlichen können länger als einen Tag, meist ist es eine Woche, bei den Betrieben schnuppern. Die Betriebe ihrerseits sehen in dieser Zeit, ob der Jugendliche zu ihnen passt. So gibt es bessere Vermittlungschancen“, stellt Michael Seethaler klar. „Wichtig ist, dass wir keine Konkurrenz zum Fachhändler sind. Wir arbeiten Hand in Hand zusammen. Das bringt beiden Vorteile.“ In der Fahrradwerkstatt arbeiten aber auch Erwachsene, die im ersten Arbeitsmarkt
wieder Fuß fassen wollen. Einer von ihnen ist Hans (58) aus dem Mölltal in Kärnten. Aufgrund von Rheumaproblemen war er zwei Jahre lang arbeitslos.
„Das AMS hat mich hierher vermittelt und ich dachte mir: ‚Ja, das könnte ich mal probieren‘. Nach einer siebenmonatigen Arbeitszeit war ich wieder eine Zeit arbeitslosarbeitslos.

Im April 2020 bekam ich aber einen Anruf von Michael mit der Frage, ob ich nicht wieder in der Fahrradwerkstatt arbeiten wolle. Das habe ich gerne angenommen.“ Seitdem arbeitet Hans hier und ist seit Dezember letzten Jahres sogar fix übernommen worden. „Ich hab mich wohl nicht ganz blöd angestellt, sonst wär ich jetzt nicht fest angestellt“, schmunzelt Hans. „Als Kind hab ich schon gerne Drahtesel hergerichtet. Mir liegt das sehr.“ Der ehemalige Hausmeister und Spengler hat eine neue Berufung gefunden. „Es kommt schon vor, dass Jugendliche, die bei uns gearbeitet haben, nach Jahren zu mir kommen, mir auf die Schulter klopfen und sagen: ‚Das war eine tolle Zeit bei euch‘“, freut sich Jürgen Rützler. „Man muss ja bedenken, dass sie damals nicht ganz freiwillig zu uns gekommen sind. Die meisten integrieren sich aber sehr gut und fühlen sich dann richtig wohl bei uns,“ resümiert Jürgen Rützler. Das Fahrradprojekt ist ein Erfolgsmodell. Und einen Vorteil hat es zudem: Gerade in Zeiten der Fahrradknappheit bei Neurädern kann man hier ein schickes Secondhandrad ergattern.

Integra verbindet Wirtschaftliches und Soziales. Durch die Arbeits- und Bildungsinitativen verbessern sich die Chancen der Arbeitssuchenden auf dem Arbeitsmarkt. In den Bereichen Garten, Carwash, Fahrradservice, Forst- und Landwirtschaft, Kundenservice, Gastronomie, Holz und Metallhandwerk, Reinigung, Produktion und Handel stehen über 600 Arbeitsprojekte in Vorarlberg zur Auswahl. Integra wird von den Gemeinden, Land und Bund finanziell gefördert. Der Erfolg der Programme besteht aus einer Mischung von Arbeiten, Lernen und persönlicher Auseinandersetzung.

Öffnungszeiten Werkstatt und Verleih:
Mo-Do: 8-12 Uhr, 13-16:30 Uhr
Fr: 8-12 Uhr

Text: Daniel Furxer
Fotos: Daniel Furxer, Integra